Auf den Spuren der italienischen Wirtschaftskrise

Ich sitze in einer überfüllten Bar und genieße meinen Espresso: für den allseits geliebten caffè wird das Geld der Italiener immer reichen. Doch wie schlimm ist die Situation wirklich? Das hatte ich mich schon seit einer ganzen Weile gefragt. Also beschloss ich eines schönen Tages, nach den Spuren der Wirtschaftskrise zu suchen. Dabei habe ich aber nicht fleißig die Zeitungen studiert, sondern mich einfach mal einen Tag lang umgeschaut.

Zuerst sah ich eine Weile lang gar nichts. Doch nach einiger Zeit, habe ich schließlich meine versteckte Begabung als Spurenleserin entdeckt.
Die erste Spur, auf die ich gestoßen bin, war pink oder die Tatsache, dass die meisten Frauen auf einmal nur noch Geld für einfache Stofftaschen hatten- wie traurig! Auf all diesen Taschen stand in schrecklich schillernder Glitzerschrift Pinko Bag- und dabei waren sie noch nicht mal pink! Wie dem auch sei- wenn die Frauen schon kein Geld mehr für elegante Handtaschen ausgaben, dann war die Situation wirklich schlimm. Das war in der Tat eine Spur, die mich ziemlich deprimierte- zumindest solange, bis ich ein Geschäft mit der gleichen Pinko-Aufschrift entdeckte: da kamen die Taschen also her. Als ich mich der Vetrine näherte, um einen Blick auf die Preisschilder zu werfen, traf mich fast der Schlag- für eine Stofftasche?? „Das ist Markenware“, erklärte mir die Verkäuferin freundlich. Doch keine Krisenbags, was für eine Erleichterung!

Meine Suche ging also weiter und prompt traf ich auf einen Mann, der normal gekleidet neben einem Geschäft auf dem Bürgersteig saß. Normalweise stellten diese Leute immer ein Geldkörbchen vor sich auf die Straße und daneben ein Schild mit der Aufschrift: „Mein Hund hat Hunger- bitte helft mir.“ Das Körbchen war da. Das Schild auch- aber der Text traf mich mitten ins Herz: „Ich habe kein Geld für das Benzin meines Ferraris. Bitte helft mir!“- wie könnte man da einfach vorbeilaufen? Natürlich half ich ihm mit einer Spende. Unglaublich, wie deutlich die Spuren der Krise nun schon zu sehen waren.

Nach diesem erschreckenden Fund, überschlugen sich schließlich die Ereignisse und ich machte eine Entdeckung nach der anderen: z.B. waren die Preise der öffentlichen Verkehrsmittel von heute auf morgen um ein Vielfaches gestiegen Warum hatte ich nur keinen Ferrari?! Dann hätte ich wenigstens auf Spenden hoffen können! Außerdem bemerkte ich, dass am Nachmittag beim Lernen in der Bibliothek, meine Füße empfindlich kalt wurden; genauer gesagt eiskalt. Hier wurde also auch so richtig gespart. Höchste Zeit, die Liga zu wechseln und die gut beheizten Computerräume aufzusuchen, in denen sich die Angestellten und Professoren mollig wohl fühlten. Das nannte man hierzulande „gemeinsame Krisenbewältigung“.

Die schrecklichste und letzte Entdeckung des Tages machte ich dann aber auf der Toilette: an der Tür hing ein Schild mit dem Text- „Bitte kein Toilettenpapier verschwenden“. Noch eine Sparmaßnahme! Nach diesem Erlebnis (und einer vergeblichen Suche nach Toilettenpapier), konnte ich am Ende des Tages nur eine Schlussfolgerung ziehen: das Land stecke wirklich tief in der… Wirtschaftskrise.

EvR

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